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70 Jahre und jetzt erst recht!

Vor 70 Jahren, in der Nachkriegszeit, erhielten blinde Menschen eine Zusatzration Kohle. Dies linderte zwar die Kälte, gesellschaftlich standen sie aber am Rande der Existenz und der Gesellschaft. Dank der Vereinsgründung am 22. Mai 1946 und nach 70 Jahren Hilfe zur Selbsthilfe sowie politischem Lobbying sind blinde und sehbehinderte Menschen heute grundversorgt. Im Blinden- und Sehbehindertenverband Tirol werden sie professionell beraten, begleitet und gefördert, damit sie mit ihrer Einschränkung bestmöglich zurechtkommen und selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Die Zukunft hat begonnen.

 

„Blinde Besenbinderinnen und -binder waren gestern. Die Abschottung von der Gesellschaft in speziellen Produktionsstätten ist nicht mehr zeitgemäß und gehört in Tirol der Vergangenheit an“, erklärt BSVT-Obmann Klaus Guggenberger, der selbst mit 13 Jahren das Augenlicht verloren hat. „Ich bin froh, dass ich keine Körbe flechten muss, sondern dass ich meinem intellektuellen Drang folgen und Lehrer an der Blindenschule in Innsbruck werden konnte.“ 2016 geht er nun in Pension.

Die Produktionsstätte für Blindenerzeugnisse im Blindenverband wurde 1995 geschlossen. Der Weg der Inklusion seit damals beschritten. Heute sind blinde Menschen Telefonistinnen, zum Beispiel beim Land Tirol, oder Masseure bei der TGKK, vereinzelt auch Richter. Sehbehinderte Menschen schließen heute erfolgreich eine Lehre zum Metallarbeiter oder Koch ab. Menschen ohne oder mit nur wenig Augenlicht sind mitten in der Gesellschaft angekommen – nach 70 Jahren intensiver und kontinuierlicher Arbeit. „Der Blinden- und Sehbehindertenverband Tirol hat diese Entwicklung maßgeblich gelenkt und gestaltet“, so der Obmann. Diese Bemühungen mündeten im Projekt „sehensWert“ – Berufsorientierung und -qualifizierung für

 

Blinde und Sehbehinderte in Tirol“, beauftragt und finanziert durch das Sozialministeriumservice Tirol, angesiedelt und durchgeführt im BSVT. Menschen im berufsfähigen Alter werden auf die Arbeitswelt vorbereitet oder, so sie bereits im Arbeitsleben stehen, beraten und begleitet. „Ich höre so oft das Argument von jungen blinden Menschen, dass sie so froh sind, dass sie nicht Körbe flechten müssen“, führt der Obmann weiter aus. „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie befreiend diese Entwicklungen der letzten Jahre waren. Der blinde Mensch kann jetzt seinen Fähigkeiten nachgehen. Das ist schon eine tolle Entwicklung.“

 

Von Klein auf blind

Babys kommen ohne Augenlicht oder stark sehbehindert auf die Welt. Eltern sind oft überfordert und fühlen sich alleine gelassen. Wer blind auf die Welt kommt, hat einen entscheidenden Nachteil gegenüber sehenden ErdenbürgerInnen. Das Baby und Kind lernt viel durch visuelle Reize, die es aus der Umgebung aufnimmt. Es lernt durch Abschauen und Nachmachen. Das ist blinden Babys nicht möglich.

Mit der Einrichtung der Frühförderstelle im Blinden- und Sehbehindertenverband Tirol 1985 werden blinde und sehbehinderte Kinder und deren Eltern professionell begleitet. Alle Sinne des Kindes werden spielerisch gefördert, Bewegung, die beim Kleinkind Entwicklung anregt, wird motiviert. Entwicklungsverzögerung kann so oft aufgeholt werden. Kinder werden in zahlreichen Einheiten, die jeweils kleine Schritte bedeuten, auf die Schulzeit vorbereitet. Eltern fühlen sich aufgehoben und werden ermutigt, ihre Kleinsten nicht in Watte zu packen, sondern sie die Welt entdecken zu lassen.

Aufgrund eines starken und breit aufgestellten Netzwerkes mit AugenärztInnen, zur Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie oder zu Netzwerkpartnerinnen und -partnern wie Kindergärtnerinnen oder TherapeutInnen und zu anderen vor- und nachgelagerten Experten und Profis, unterstützt der BSVT die Kleinsten unserer Gesellschaft bestmöglich in ihrer Entwicklung.

 

Bis ins hohe Alter

Wie koche ich mir blind? Wie finde ich mich in meiner Wohnung zurecht? Wie finde ich den Weg in die Arbeit oder zu meiner Freundin? Wer in der Lebensmitte oder im Alter an Sehkraft verliert oder erblindet, steht vor genau diesen Fragen. Der Blinden- und Sehbehindertenverband Tirol reicht einem hier die Hand. Das in den 1980er Jahren eingerichtete Rehabilitationstraining im Blinden- und Sehbehindertenverband Tirol lehrt Orientierung und Mobilität und vermittelt in kleinen Schritten ebendiese Lebenspraktischen Fertigkeiten. In der 1995 eingerichteten modernen Hilfsmittelzentrale gibt es zahlreiche Helfer, die den Alltag sehbehinderter und blinder Menschen erleichtern. Österreichs größte Zentrale verfügt auch über ein Knowhow und eine professionelle Beratungsleistung, die weit über die Tiroler und Österreichische Grenze hinaus bekannt ist und geschätzt wird.

 

Bezirksstelle Osttirol

Neben der Zentrale, dem Blinden- und Sehbehinderten-Zentrum Tirol, die 2008 in der Amraser Straße in Innsbruck als barrierefreies Gebäude neu eröffnet wurde, ist der Blinden- und Sehbehindertenverband mit seiner Bezirksstelle auch in Osttirol vertreten. Für 150 blinde und sehbehinderte Osttirolerinnen und Osttiroler steht seit 2004 eine Mitarbeiterin 19 Stunden in der Woche beratend zur Seite, ob Hilfsmittel, Sehvermögensabklärung oder Berufsorientierung. Auch eine Frühförderin begleitet Familien in ganz Osttirol bei der Entwicklung ihrer Kinder.

 

„Wir sind 70 Jahre alt. In dieser Zeit haben wir unglaublich viel auf die Beine gestellt. Wir haben uns zu einem Kompetenzzentrum für blinde und sehbehinderte Menschen und deren Angehörigen entwickelt. Jetzt legen wir erst richtig los. Nach WHO-Berechnungen leben in Tirol über 10.000 blinde und sehbehinderte Menschen. Wir erreichen aktuelle rund 2.500 davon. Es gibt also noch viel zu tun! Wir müssen weiter bekannt werden, damit die Menschen Linderung und Erleichterung für ihr Leben finden“ blickt der Obmann kämpferisch in die Zukunft. „Dafür brauchen wir die vereinten finanziellen Kräfte von Land Tirol, Stadt Innsbruck von unseren Förderern und von der Tiroler Bevölkerung, die unsere Arbeit mit Spenden unterstützen kann. Wir sagen heute schon Danke.“

 

Pressefoto: Abdruck Frei. Credit: Die Fotografe.

Der BSVT feierte seine 70 Jahre mit einem Gala-Dinner. Landeshauptmann Günther Platter war als Redner und Gast anwesend. Im Bild Landeshauptmann Günther Platter, BSVT-Obmannstellvertreterin Sabine Karrer, BSVT-Obmann Klaus Guggenberger.

 

 

Landeshauptmann Günther Platter, Obmann-Stellvertreterin Sabine Karrer, Obmann Klaus Guggenberger

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Frühförderkind lenkt den Blick auf kontrastreiches Therapiematerial.