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Sehschärfe (Visus)

Das scharfe Sehen ist wohl die wichtigste Funktion unseres Auges. Entsprechend bedeutsam ist es, wenn die Sehschärfe vermindert ist. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bei der Abgrenzung von Sehbehinderung die Sehschärfe sogar als einziges Kriterium. Wer am besseren Auge eine Sehschärfe von weniger als ca. 0,3 hat, gilt als sehbehindert. Doch was bedeutet das eigentlich?

Sie sind ein beliebtes Reiseandenken aus Russland, die bunt bemalten Holzpuppen, Matrjoschkas genannt. Sie sind unterschiedlich groß und lassen sich ineinander verschachteln. Für das Foto rechts haben wir drei solche Puppen hintereinander aufgestellt. Wenn Sie genau schauen, werden Sie merken, dass die drei unterschiedlich großen Figuren dadurch gleich groß wirken. Sie können die drei Puppen also gleich gut sehen.

Was haben aber die Matrjoschkas mit der Sehschärfe zu tun? – Die Qualität eines Seheindrucks, die Frage also, wie gut wir etwas sehen, hängt zunächst einmal davon ab, wie ein Gegenstand auf unserer Netzhaut im Auge abgebildet wird. Und da sind vor allem die Größe des Gegenstands und dessen Entfernung von unserem Auge entscheidend. Das verdeutlicht unser Foto mit den drei Matrjoschkas in unterschiedlichen Entfernungen. Es kommt beim Sehen nicht darauf an, wie groß ein Gegenstand ist, sondern wie groß er auf unserer Netzhaut abgebildet wird.

Je größer ein Gegenstand ist, desto weiter entfernt können wir ihn noch erkennen. Bei zunehmender Entfernung werden die Details dieses Gegenstandes immer unkenntlicher, bis wir schließlich nur noch einen Punkt in der Ferne wahrnehmen. Diese Tatsache hängt mit dem Auflösungsvermögen unseres Auges zusammen. Die Anzahl der Sinneszellen auf der Netzhaut am Augenhintergrund ist begrenzt. Die Anzahl der funktionierenden Sinneszellen bestimmt das Auflösungsvermögen und damit unsere Sehschärfe. Weniger Sinneszellen bedeuten ein geringeres Auflösungsvermögen und damit eine niedrigere Sehschärfe.

Netzhautschädigungen sind die häufigste Ursache für eine verringerte Sehschärfe. Daneben kommt es zu Problemen, wenn etwa das Licht auf Grund von Trübungen oder mangelhafter optischer Versorgung nicht scharf auf die Netzhaut trifft. Weiters muss natürlich die Übertragung der Sinneseindrücke über den Sehnerv an die entsprechenden Gehirnregionen funktionieren.

Bei der Messung der Sehschärfe werden gewöhnlich Symbole in unterschiedlichen Größen angeboten. Damit Zufallstreffer auszuschließen sind, werden mehrere unterschiedliche Symbole in der gleichen Größe angeboten. Entscheidend ist bei der Ermittlung der Sehschärfe die Größe des Objektes und dessen Entfernung, also eigentlich der Winkel, unter dem die Lichtstrahlen des Objektes auf unsere Netzhaut auftreffen.

Ein gesundes Auge kann zwei Punkte in einem Abstand von ungefähr einer Winkelminute (= 1/60 Winkelgrad) noch getrennt erkennen. Liegt eine Sehbeeinträchtigung vor, muss dieser Winkel entsprechend größer sein. Ausgedrückt wird dieser Sachverhalt durch die Angabe der Sehschärfe (Fachausdruck „Visus“). Ein Visus von 0,1 bedeutet beispielsweise, dass ein Gegenstand zehn Mal so groß sein muss, damit ein Sehbehinderter ihn so gut erkennen kann, wie ein Normalsehender.

Die Sehschärfe gibt also einen Vergleichswert an. Wenn ein Zeichen, das von einem „Normauge“ auf zehn Metern noch erkannt werden kann, von einer sehbehinderten Person erst auf zwei Meter richtig erkannt wird, liegt die Sehschärfe bei einem Fünftel oder 0,2.

Gelegentlich wird die Sehschärfe auch in Prozent angegeben. Eine Sehschärfe von 0,2 wird dann als 20% Sehschärfe ausgedrückt. Angaben in Prozent können jedoch verwirrend sein. Da es sich bei der Normangabe um einen durchschnittlichen Vergleichswert handelt. Wird ein Symbol mit einem Normabstand von 10 Metern etwa noch auf 20 Meter richtig erkannt, liegt die Sehschärfe bei 200%. Und das klingt irgendwie doch merkwürdig.

Wir haben oben schon erwähnt, dass eine mangelhafte optische Versorgung zu einer Verminderung der Sehschärfe führen kann. Bei der Überprüfung der Sehschärfe ist daher eine optische Grundversorgung mit Brillen oder Kontaktlinsen erforderlich. Es hat also keinen Sinn, die Brillen bei einem Sehtest abzunehmen, außer man will sich bewusst machen, wie wichtig die eigene Brille ist.

Als Symbole werden für die Visusüberprüfung meist Tafeln mit Buchstaben oder Ziffern herangezogen, die in einem regelmäßigen Verhältnis immer kleiner werden. Beim obigen Bild sehen Sie beispielsweise eine Bailey-Tafel.

Wir verwenden in unserer Beratungsstelle auch gerne die Landoltringe. Das sind Kärtchen mit einem offenen Ring, die beim Test in unterschiedliche Richtungen gedreht werden. Die Testperson muss jeweils erkennen, in welche Richtung die Öffnung zu sehen ist. Dabei entferne ich mich mit dem Kärtchen immer weiter oder ich nehme ein Kärtchen mit einem kleineren Landoltring. Ich erkenne an Unsicherheiten oder Fehlern, dass die Sehleistung an eine Grenze gestoßen ist. Die Entfernung des Kärtchens von der Testperson wird dann gemessen und mit der jeweiligen Normdistanz verglichen.

Die Sehschärfe ist nicht in jedem Lebensabschnitt gleich hoch. Das Sehvermögen eines Säuglings muss sich erst entwickeln, während es im Alter wieder abnimmt, auch wenn keine besondere Augenerkrankung vorliegt.

Eine reduzierte Sehschärfe hat im Alltag große Auswirkungen: So können Betroffene unter einem bestimmten Grenzwert nicht mehr Auto fahren. Bei einer stärkeren Verminderung der Sehschärfe erkennen Sie Bekannte auf der Straße nicht mehr und haben Probleme beim Lesen. Sie können Straßenschilder oder die Linienangaben auf Bussen nicht ablesen und tun sich bei der Bedienung von Haushaltsgeräten schwer. Das Fernsehen oder die Bildschirmarbeit am Computer werden ebenfalls erschwert oder ohne spezielle Hilfsmittel unmöglich.

Von einer Sehbehinderung kann man erst sprechen, wenn die medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind und die optische Grundversorgung passt. Ist dies gewährleistet, so empfiehlt sich für Menschen mit Sehbehinderungen der Besuch einer spezialisierten Beratungsstelle, wie dem BSVT. Wir sehen zunächst auch bei einer verminderten Sehschärfe das vorhandene Sehvermögen als Potential, das optimal ausgeschöpft werden soll. Dafür gibt es zahlreiche Hilfsmittel und Strategien, die wir individuell erarbeiten. Wo das vorhandene Sehpotential für Alltagserfordernisse nicht mehr ausreichend oder zweckmäßig eingesetzt werden kann, stehen Möglichkeiten offen, mit anderen Sinnen Probleme zu kompensieren. Doch nicht nur der Mensch mit Sehbehinderung kann auf diese Weise für sich etwas tun. Auch eine entsprechend barrierefreie und sehbehindertengerechte Umweltgestaltung erleichtern den Alltag. Dazu gehören etwa eine gute Beleuchtung, deutliche Kontraste und klare Schriften.

Ein Beitrag von Wolfgang Berndorfer