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Ein Tag wie jeder andere auch

Innsbruck, 28.3.2010. Den Alltag wie ein blinder Mensch erleben. Zehn Stunden dauerte dieses Experiment und zeigte eines deutlich: Auch ohne den vielleicht wichtigsten Sinn ändert sich nichts an den Gefühlen. Ein schöner Tag bleibt ein schöner Tag.

Von Matthias Christler

Beitrag erschienen in der Tiroler Tageszeitung am Sonntag, 28. März 2010, 66. Jahrgang, Nummer 86

Frust. Nichts als Frust. Das Experiment ist bereits nach fünf Minuten zum Scheitern verurteilt. Die Schlafmaske wird vom Kopf gerissen und auf den Boden gepfeffert. Und daneben liegt es. Dieses kleine Ding, das mich zum Schwächling degradiert. An diesem besonderen Tag, den ich mit verdeckten Augen überstehen wollte, schaffe ich es nicht einmal, mich blind in meinem eigenen Bad zurechtzufinden. Weil ich mir nicht gemerkt habe, wohin ich diesen kleinen, unscheinbaren Verschluss der Zahnpastatube gelegt habe. Nachdem ich das Bad von oben bis unten, von links nach rechts abgetastet habe, muss ich aufgeben. Dann sehe ich ihn. Der Verschluss liegt in einer Ecke am Boden, wie Hunderte Male zuvor auch. Nur diesmal ist es eine kleine Tragödie. Weil ich meine Augen nicht benutzen kann. „Ordnung. Ordnung. Ordnung.“ Immer wieder trichtern mir die Mitglieder des Blinden und Sehbehindertenverbands später am Tag ihre oberste Regel ein. Das Missgeschick im Bad war eine nachhaltige Lehre. Konzentrieren. Erinnern. Vertrauen. Dazu Hören und Fühlen. Das sind die Sinne, die das Sehen ersetzen sollen.

Nachdem ich wie ein kleines, hilfloses Kind zum Zentrum für Blinde und Sehbehinderte geführt wurde, beginnt der eigentliche Tagesablauf. Die fiktive Annahme, dass ich nach einem Unfall plötzlich auf beiden Augen nichts mehr

sehen kann, brennt sich in das Bewusstsein. Angstzustände wechseln sich mit einer irritierenden Spannung ab. Kann man sich auf ein Erlebnis freuen, das in Österreich über 300.000 Menschen tatsächlich durchmachen? Und zwar nicht einfach als Übung, bei der man jederzeit die Maske abnehmen kann. Sie sind jeden Tag blind oder sehbehindert.

Lange kann ich mir nicht darüber Gedanken machen. Barbara Hoffmann, die für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Mitarbeiterin im Zentrum, zerstreut die Bedenken: „Super, dass wir das mit dir machen. Ich bin gespannt, ob du wirklich den ganzen Tag durchhältst.“ Das Zahnpasta- Desaster verschweige ich. „Nimm meinen Arm. Ich bring dich zu deinem ersten Termin.“ Ab hier beginnt der Teil mit dem Vertrauen. Wo führt sie mich hin? Wo ist die nächste Stufe? Warum bin ich mit meiner rechten Schulter gerade an eine Mauer gestoßen? Weil ich mich nicht auf das Geführt werden eingelassen habe. Ich habe nicht auf Barbaras leichte Bewegung nach links reagiert, sondern wollte noch selbst die Richtung bestimmen. Die unsanfte Bekanntschaft mit der Mauer treibt diesen Eigensinn aus.

Ein groß wirkender Saal liegt hinter uns. Dann übernimmt mich der Leiter der Hilfsmittelzentrale, Markus Fischnaller. Er zeigt mir seine Schätze. Sprechende Uhren, Maßbänder und Farberkennungslaser. „Hellbraun“, sagt das Gerät in einer rasend schnellen Sprache, als ich den Laser über den Tisch halte. Hellbraun? Wie hat hellbraun noch einmal ausgeschaut? Zum Schluss reicht er mir ein Handy. Natürlich spricht es. Und es kann lesen. Die völlig neue Software verwandelt das abfotografierte Dokument in Sprache. „Eine kleine Revolution für blinde Menschen“, erklärt Fischnaller die (für den Alltag noch zu teure) Errungenschaft. Dann bekomme ich das wichtigste Hilfsmittel des Tages. Den Blindenstock.

Reha-Trainerin Heidi Amann fackelt nicht lange und führt mich ins Freie. Lärm. Autos. Von allen Seiten. Ich folge ihr und dann beginnt das Stocktraining. „Das machst du sehr gut. Den Stock immer schön rhythmisch von links nach rechts bewegen. Versuche immer den nächsten Schritt vorher zu erfassen. Orientiere dich an den vorbeifahrenden Autos. Ihre Geräusche können dich leiten.“ Fast schon selbstbewusst mache ich einen Schritt nach dem anderen. „Nicht so schnell“, höre ich jemanden von hinten sagen. Jetzt kann mich nichts mehr aufhalten. Bis mich jemand am linken Arm kratzt. Autsch. Einen Moment später erkenne ich den Übeltäter. Ein Strauch. „Solche Hindernisse sind Pech. Am Boden ist gut geschnitten worden, aber in der Höhe nicht.“ Eigentlich müsste ich frustriert sein. Nicht wegen dem Busch, ich beginne etwas anderes zu spüren. Wärme. Hitze. Die Sonne. Die Vögel zwitschern. Heute muss ein traumhaft schöner Tag sein. Nein, heute ist ein traumhaft schöner Tag. Ich sehe ihn nicht, aber er macht sich bemerkbar und mich damit fröhlich. Euphorisch gehe ich weiter. „Was machst du da? Du stehst auf der Straße!“ Konzentration. Beim nächsten Versuch, auf die andere Seite zu kommen, bin ich wachsam und bleibe rechtzeitig vor den Autogeräuschen stehen. „Jetzt stehst du 25 Meter vor der Straße!“ Wieder daneben, aber die Schuldigen sind schnell gefunden. „Da schreien Kinder. Wie soll ich da den Straßenlärm mitkriegen?“, rechtfertige ich mich vor Heidi. Auf das müsse man sich einstellen. „Das gehört dazu!“

Genauso wie auf das Essen. Nach dem anstrengenden Vormittag ist die Vorfreude auf die (vorgeschnittene) Pizza groß. Den Mund zu treffen ist auch kein Problem. Das tropfende Fett schon eher. Ist es am Tisch oder auf meiner Hose gelandet? Stunden später weiß ich wo. Aber niemand hat etwas gesagt. Den ganzen Nachmittag nicht. Nicht beim Kaffeeklatsch und auch nicht beim Mensch-ärgere-dich-nicht- Spielen mit der 22-jährigen Nicole Wimmer und dem 15-jährigen Dominic Schmid. Beide können fast genauso wenig sehen wie ich. Trotzdem nehmen sie die Figuren nach einer schnellen Berührung und stecken sie ins richtige Loch. Ich aber fahre mit meinen kreuz und quer über das Feld. Obwohl ich das ganze Spiel aufhalte, bleiben sie geduldig. Wie bei einem kleinen Kind. Bin ich jetzt frustriert, weil ich ständig falsch fahre oder weil meine Figuren immer wieder geschmissen werden? „Man merkt, du wirst müde.“

Das stimmt. Nach zehn Stunden nehme ich die Maske ab. Obwohl ich sie an diesem Tag gefühlte 100 Mal herunterreißen wollte wie im Bad, schaffe ich es nicht so leicht, mich wieder an das Licht zu gewöhnen. Mir wird schwindlig. „Wir hier im Zentrum haben solche Versuche auch schon gemacht, aber so lange hat noch keiner durchgehalten“, muntert mich Barbara Hoffmann auf. Dann führt sie mich ein letztes Mal durch das völlig barrierefreie, neu erbaute Zentrum. Wo ist der große Saal von vorher geblieben? Ich hatte mir ein völlig anderes Bild in meinem Kopf ausgemalt. Aber nicht nur von den Räumlichkeiten. Auch die Menschen, die ich zuvor nie gesehen, nur gehört und gespürt habe, sind größer oder kleiner, dünner oder dicker und haben andere Haarfarben als in meiner Vorstellung.

Ich habe die gleiche Welt heute mit anderen Sinnen gesehen. War frustriert, hatte Spaß, machte Fehler und lernte daraus. Wie an jedem anderen Tag eben auch.

Der Tiroler Blinden- und Sehbehinderten-Verband bedankt sich bei Autor Matthias Christler und der Tiroler Tageszeitung für die Genehmigung diesen Beitrag zu veröffentlichen!

Autor Matthias Christler mit Simulationsbrille

Matthias Christler und Heidi Amman